Die Mysterien der modernen Zivilisationsgesellschaft

Wir leben in einer modernen Gesellschaft, die sich der Technik an so vielen Stellen bedient, das wir vom ihrem korrekten Funktionieren abhängig sind. Wir beherrschen diese Technik souverän und meistern mit ihrer Hilfe viele Tücken des Alltags, bei deren Auftreten wir noch vor wenigen Jahren verzagt hätten. So sind wir und unsere Arbeit bzw. ihre Ergebnisse unabhängig von Ort und Zeit weltweit abrufbar; wir sind mobil bis an die Grenzen des Erträglichen; mit immer weniger Energie vollbringen wir immer größere Wunder.

Doch halt: Gelegentlich stellen sich kleine Seltsamkeiten ein, die uns stutzen lassen. "Wie ist das nur möglich?" fragen wir uns. Schließlich sind wir doch schon mit Murphy's Gesetzen geschult und kennen deren Katastrophengrundsätze gut.

Nun: Dabei handelt es sich um moderne Mysterien, unerklärliche, aber fast gesetzmäßig auftretende Phänomene, die unter merkwürdigen Umständen (zu denen wir selbst gehören) auftreten, um uns zu drangsalieren, und für deren Auftreten wir geheime Kräfte verantwortlich machen müssen. Jeder von uns hat sie schon kennen gelernt — und sich vielleicht sogar schon daran gewöhnt, mit ihnen zu leben.

Bevor wir diese Ungereimtheiten der modernen Zivilisationsgesellschaft mit Hilfe der Technik zu eliminieren versuchen, sollten wir sie uns vor Augen führen und einen Augenblick über ihren Charakter und ihre Ursachen nachdenken.

Autos beheben ihre Mängel von selbst, sobald man sie vor der Werkstatt abgestellt hat.

Dieses Mysterium ist wahrscheinlich das älteste und bekannteste: der sog. Vorführeffekt! Es betrifft nicht nur PKW´s, sondern praktisch jedes technische Gerät, ja manchmal sogar natürliche "Werkzeuge" wie die Zähne vor der Tür der Zahnarztpraxis.

Die Bezeichnung "Vorführeffekt" bezieht sich auch auf den gegenteiligen Effekt: Autos sind absolut mängelfrei, bis sie zu einer Demonstration ihrer Leistungsfähigkeit antreten — und total versagen. Mir passiert dies am häufigsten beim Einsatz von Rechnern in einer Vorlesung.

Tafeln sind immer am rechten Rand zu klein.

Betreten Sie einen beliebigen Hörsaal in einer beliebigen Hochschule nach dem Ende einer beliebigen Vorlesung: Sie werden an der Tafel das Phänomen bewundern können, daß die klare Schrift des Professors am rechten Rand der Tafel seltsam gequetscht wirkt und überhaupt nicht mehr geradlinig verläuft.

Akkus sind immer dann leer, wenn man sie tatsächlich mal dringend benötigt.

Das gilt besonders für Akkus in Mobiltelefonen, Rasierapparaten, tragbaren Rechnern und Elektroschraubern.

Werkzeuge sind "arbeitsscheues Gesindel".

Haben Sie es auch schon bemerkt? Nach erstmaligem Gebrauch verstecken sie sich unauffindbar.

Es ist bereits so weit gediehen, das ich die Nutzung von Werkzeugen weitgehend vermeide oder mir wichtige Werkzeuge mehrfach zulege: Jedenfalls ertrage ich den Zustand der Hilflosigkeit nicht mehr, wenn sich der Schraubendreher wieder einmal in irgendeinem Winkel meiner Wohnung versteckt hat, nachdem er soeben die erste Schraube gewittert hat.

Aufzüge kommen schneller, wenn man den Rufknopf öfter betätigt.

Das gilt auch für das grüne Licht der Fußgängerampeln. Niemand glaubt mir das. Also probieren Sie es aus! Sie werden es schnell bestätigt finden. Die Hersteller dieser Einrichtungen bestreiten natürlich, das ihre Systeme lernfähig sind: Sie unterschätzen die Qualität ihrer Produkte!

Die besten Werkzeuge werden am seltensten benötigt.

Wertvolle Werkzeuge wie Schwingschleifer oder Drehmomentschlüssel kaufe ich natürlich nur dann, wenn ich sie gerade dringend benötigt hätte: anschließend liegen sie jahrelang in meinem Regal und warten vergebens auf ihren ersten Einsatz. Mein ganzer Keller ist voll von solch "bestem Gerät".

Bei Versammlungen kommen immer diejenigen als erste, die den weitesten Weg haben.

Insbesondere kommt der Kollege aus dem Nebenzimmer immer zu spät. Das beweist, das die öffentlichen Verkehrsmittel besser sind als ihr Ruf.

Wichtige Ereignisse treten erst dann ein, wenn man nicht mehr mit ihnen rechnet.

Elke Heidenreich darf ich zur Zeugin aufrufen: Sie hat festgestellt, das lang erwartete Telefongespräche erst dann kommen, wenn man den Mülleimer wegbringt. Verabredungen kommen erst dann zustande, wenn man gerade beschlossen hat, die Sache aufzugeben.

Wenn man das weiß: Nun, dann muß man diese Gesetzmäßigkeit auch ausnutzen. Ich plane rechtzeitig ein, mein Warten abzubrechen. So komme ich immer rasch zum Ziel.

Man steht immer in der falschen Schlange.

Vor Schaltern, im Stau auf der Autobahn, auf dem Flur irgendeiner Behörde: Immer kommen die anderen schneller dran als ich.

Das gilt auch oder gerade dann, wenn ich die Schlange soeben gewechselt habe.

Zwei gute Lösungen eines Problems sind schlechter als eine mittelmäßige.

Wenn es zwei gute Lösungen gibt - nennen wir sie A und B -,werden sich immer einige Gruppen für A und andere für B entscheiden, mit der Konsequenz, das die beiden Gruppen unverträglich sind und wir ein neues Problem haben. Dies ist eines der großen EDV-Dilemmata mit Schnittstellenproblemen: wenn zwei Systeme - nennen wir sie X und Y - eine Unverträglichkeit haben, finden sich dann mindestens drei Gruppierungen, die sie beheben wollen: die Systemer von X, die Systemer von Y und eine dritte Gruppierung XY, die sich auf die Lösung von Schnittstellenproblemen spezialisiert hat.

Perfekte Lösungen sind grundsätzlich unbrauchbar.

Sehr erstaunlich, aber sehr wahr: zum einen erfordert der Einsatz von "perfekten Lösungen" auch einen sehr großen Lernaufwand; zum anderen bereiten sie dem Anfänger sehr viel Frustration. Denn wenn mal etwas anders läuft als erwartet, weiß man bei den perfekten Systemen immer, das der Mensch der dumme ist. Zum dritten sitzen die Vertreiber solcher "perfekter Lösungen" auf einem sehr hohen Roß, denn sie wissen um die Qualität ihres Produktes. Daher sind "perfekte Lösungen" teuer, wenig benutzerfreundlich konditioniert, in der Regel schlecht dokumentiert und — summa summarum — nicht vertrauenswürdig.

Katastrophen treten immer zum Ende ein.

Dieses Mysterium behelligt uns besonders bei Sicherungsmaßnahmen. Gleichgültig, ob wir z.B. Daten sichern oder wiederherstellen: Es läuft alles ganz vorzüglich, bis - nun ja - wir so gut wie fertig sind. Dann stürzt der Rechner ab oder die Platte ist voll oder ein Timer schlägt zu oder .. oder ..

Man benötigt immer die Hilfsmittel am dringendsten , die gerade nicht zur Hand sind.

Dieses Phänomen beobachte ich regelmäßig im Urlaub. Jedes Jahr schleppe ich dieselben Bücher mit mir rum und komme nicht dazu, sie zu lesen. Schließlich lasse ich sie zu Hause.., und prompt kommt der Augenblick, in dem ich sie gebraucht hätte.

Das trifft aber auch auf andere Gegenstände bei anderen Gelegenheiten zu. Zum Beispiel: Es regnet immer dann, wenn man den Schirm nicht dabei hat - und das läßt sich auch umkehren: Es regnet nie, wenn man den Schirm dabei hat.

Schnüre bilden Knoten von selbst.

Machen Sie ein Experiment: Werfen Sie eine Schnur auf den Boden und heben Sie sie wieder auf: Unweigerlich ist ein Knoten darin! Sollte es anders sein: Läuten Sie die Glocken, rufen Sie die Feuerwehr an, tragen Sie es in Ihren Kalender ein!

Offenbar vollzieht sich hier ein Teil der natürlichen Evolution: Mir braucht niemand mehr zu erklären, das die DNA ziemlich verknittert aussieht; mich wundert allenfalls, daß sie keine Knoten enthält.

Interessante Arbeitskollegen trifft man am zuverlässigsten an einem weit entfernten Platz, niemals vor Ort.

Schon immer wollte ich mich mit dem Kollegen Weiß nicht treffen; nie bin ich dazu gekommen. Aber auf dem Pariser Flughafen treffe ich ihn unweigerlich, und siehe an, er wollte mich auch schon immer mal sprechen! Man sollte eben öfter verreisen.

Es ist auf der anderen Seite.

Das ist eine wichtige Erfahrung der Fensterputzer, die uns helfen sollte, gelegentlich etwas gelassener auf Defizite zu reagieren.

Ein klein Tüchlein passt immer noch rein.

Es geht um das leidige Geschäft des Kofferpackens. Obwohl es eigentlich paradox ist (so sagt es uns das Großhirn), zeigt die Erfahrung, daß es stimmt: Ich habe jedenfalls noch nie einen vollen Koffer gesehen.

Jeden Tag passiert immer gerade soviel, das es in die Zeitung passt.

Ein wirkliches Mysterium: Das die Leute von der Presse sich nicht darüber wundern, zeigt nur, wie abgestumpft die Brüder sind durch all die Sensationen, über die sie täglich zu berichten haben.

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Keine Schule für Journalisten wird Ihnen das bestätigen, aber der tägliche Blick in die Blätterwelt beweist die Richtigkeit dieses Mysteriums, das sich oft auch bei Urlaubs- oder Krankheitsberichten bemerkbar macht.